Brief aus Barop nach Paris, 16. September 1903

Category
Kommunikation
Tags
1903, Alltagsgeschichte, Auslandsbrief, Brief, Briefmarke, Briefumschlag, Deutsche Reichspost, Dokument, Frankatur, Germania, Handschrift, Kaiserreich, Kurrentschrift, Postgeschichte, Privatkorrespondenz, Weltpostverein
About This Project

Inventarnummer: K0002 · Sparte: Kommunikation
Objektart: Privatbrief mit zugehörigem Briefumschlag
Ausstellungsort: Barop, Kreis Hörde, Provinz Westfalen (heute Dortmund-Barop)
Datum: 16. September 1903
Empfängerin: eine junge Frau, per Adresse bei einer Mademoiselle Turchod, 76 Rue d’Assas, Paris, Quartier Luxembourg
Frankatur: zwei Marken zu 10 Pfennig, Dauerserie Germania, Inschrift „Deutsches Reich“


Zwei Frauen, ein Bogen Papier

Der Brief ist in deutscher Kurrentschrift auf einen gefalteten Bogen geschrieben. Das Bemerkenswerte daran steht am Ende: Nach der Unterschrift „Deine dich sehr liebende Mutter“ setzt eine zweite Hand an. Eine weitere Absenderin, dem Text nach die im Brief mehrfach erwähnte Tante, hängt ihren eigenen Gruß an denselben Bogen.

Das ist keine Nachlässigkeit, sondern Ökonomie. Porto wurde nach Gewicht berechnet, ein zweiter Brief hätte ein zweites Mal gekostet. Wer etwas zu sagen hatte, schrieb auf das Papier, das ohnehin unterwegs war. Der Brief ist damit kein Zwiegespräch, sondern ein gemeinschaftliches Medium: mehrere Absenderinnen, eine Sendung, ein Preis.

Der Inhalt ist Alltag im besten Sinn. Es geht um das Wetter zu Hause und in Paris, um Regen und darum, dass es in Westfalen kühl geworden sei, um die Frage, ob die Garderobe der Empfängerin für den Herbst reicht und ob sie eine warme Bluse brauche. Es geht um Besuche, um eine Kiste, die zur Post gebracht wurde, um geplante Ausflüge in die Nachbarorte. Nichts davon ist historisch bedeutend, und genau das macht es wertvoll. Solche Briefe sind der Normalfall der Schriftkultur um 1900, und sie sind es, die in Sammlungen fehlen, weil man sie wegwirft.

Was der Umschlag erzählt

Der Umschlag ist der aufschlussreichere Teil des Objekts. Eine junge Frau aus einem westfälischen Dorf im Kreis Hörde lebt 1903 in Paris, im sechsten Arrondissement nahe dem Jardin du Luxembourg, untergebracht bei einer Französin, deren Name als Zustelladresse dient. Das war ein verbreitetes Muster: Töchter bürgerlicher Familien gingen zum Spracherwerb in Pensionen im Ausland. Der Brief macht sichtbar, wie eng Postinfrastruktur und soziale Mobilität zusammenhingen. Eine solche Trennung war nur erträglich, weil das internationale Postnetz sie überbrückte.

Die beiden Germania-Marken zu je 10 Pfennig ergeben 20 Pfennig, den Standardsatz für einen Auslandsbrief im Bereich des Weltpostvereins. Die Inschrift „Deutsches Reich“ datiert die Marken zusätzlich: Bis Ende 1902 trug die Germania-Serie den Aufdruck „Reichspost“, ab dem 1. April 1902 erschienen die neuen Marken mit der Reichsinschrift. Das Objekt lässt sich also allein anhand der Frankatur in ein Zeitfenster einordnen, unabhängig vom Datum im Brieftext. Das ist eine Methode, die man an diesem Stück gut zeigen kann.