Erinnerungs-Blätter für gebildete Leser, Nr. 35 vom 26. August 1821

Category
Print & Presse
Tags
1821, 19. Jahrhundert, August Schumann, Bildungsbürgertum, Buchdruck, Desinformation, Erinnerungsblätter für gebildete Leser, Fraktur, Griechische Revolution, Intelligenzblatt, Kulturgutraub, Leserschaft, Medienkritik, Nachrichtenlaufzeit, Periodikum, Philhellenismus, Presse, Restitution, Robert Schumann, Sachsen, Wilhelm Traugott Krug, Zeitschrift, Zwickau
About This Project

Inventarnummer:PP0005 · Sparte: Print & Presse
Titel: Erinnerungsblätter für gebildete Leser aus allen Ständen
Herausgeber und Verleger: August Schumann, Zwickau
Erscheinungszeitraum: 1813 bis 1826
Vorliegende Ausgabe: Nr. 35, 26. August 1821, Seiten 545 bis 560
Umfang: ein Bogen zu 16 Seiten
Satz: Fraktur, Antiqua für lateinische Zitate


Ein Titel, der sein Publikum erfindet

„Für gebildete Leser aus allen Ständen.“ Der Untertitel ist ein Programm. Nicht die Herkunft entscheidet über die Zugehörigkeit zum Publikum, sondern die Bildung. Das ist um 1821 eine bemerkenswerte Ansage: Die Zeitschrift definiert ihre Leserschaft nicht als Stand, sondern als Bildungsgemeinschaft, und bringt diese Gemeinschaft zugleich hervor, indem sie sie anspricht.

Die Formel lag in der Luft. Cotta hatte 1807 das „Morgenblatt für gebildete Stände“ gegründet, eine ganze Publikationsgattung folgte. Was heute selbstverständlich wirkt, war historisch neu: ein Publikum, das nicht durch Beruf, Konfession oder Territorium zusammengehalten wird, sondern durch das gemeinsame Lesen. Das Bildungsbürgertum konstituiert sich hier in Druckform.

Alles in einem Heft

Die sechzehn Seiten dieser Ausgabe enthalten den Schluss einer Reiseserie über Waterloo und Paris, eine Rubrik „Aus der Tagesgeschichte“ mit Meldungen aus Sachsen, Preußen, England, Amerika und der Türkei, den Beginn einer Biographie des französischen Offiziers La Tour d’Auvergne sowie unter der Überschrift „Intelligenzen“ eine Anleitung, Getreide bei nasser Witterung in pyramidenförmigen Garbenhaufen trocken einzubringen.

Reisebericht, Außenpolitik, Heldenbiografie und Erntetechnik, hintereinanderweg im selben Heft. Das ist kein Redaktionsfehler, sondern der Normalzustand der Presse vor ihrer Ausdifferenzierung. Feuilleton, Politikteil, Wissenschaftsressort und Anzeigenteil existierten als getrennte Einheiten noch nicht. Ein Blatt bediente einen ganzen Menschen.

Das Wort „Intelligenzen“ bedeutet dabei nicht Klugheit, sondern Nachricht, Mitteilung, Bekanntmachung, wie in den Intelligenzblättern des 18. Jahrhunderts. Ein Begriff, dessen Bedeutung sich vollständig verschoben hat.

Auch die Serialität ist sichtbar: „Beschluß“ beim einen Text, „Fortsetzung folgt“ beim anderen. Die Zeitschrift band ihre Leserschaft über Wochen, nicht über einzelne Hefte.

Eine Mediendebatte über Kriegsgräuel, 1821

Die Ausgabe berichtet über die Anfänge der deutschen Griechenbegeisterung. In Stuttgart seien binnen kurzem mehr als fünfzig Personen einem von Professor Krug vorgeschlagenen Hilfsverein für die Griechen beigetreten, in Tübingen nähmen zwei Professoren Beiträge an, in Leipzig wollten vierzehn junge Männer nach Griechenland aufbrechen. Gemeint ist der Leipziger Philosoph Wilhelm Traugott Krug, dessen Aufruf „Griechenlands Wiedergeburt“ 1821 erschien. Der erste philhellenische Verein wurde tatsächlich im August 1821 in Stuttgart gegründet. Das Heft berichtet also über ein Ereignis, während es geschieht.

Im selben Abschnitt steht eine Auseinandersetzung, die überraschend vertraut klingt: Der Redakteur des Journal de Francfort erkläre die Nachrichten über türkische Grausamkeiten für von den Griechen erfundene Märchen, während andere Blätter dieser Einschätzung widersprechen und ihrerseits fragen, was ein solches Urteil über die Achtung des Blattes vor seinen Lesern aussage.

Hier streiten Zeitungen im Jahr 1821 öffentlich darüber, ob Gräuelmeldungen aus einem fernen Kriegsgebiet zutreffen oder Propaganda sind, und darüber, wer in dieser Frage glaubwürdig ist. Der Sachverhalt ist derselbe wie heute. Nur die Geschwindigkeit ist eine andere.

Wie lange eine Nachricht brauchte

Das Heft vom 26. August meldet Nachrichten, die in Odessa am 27. Juli eingetroffen waren, ein Schreiben aus Hermannstadt vom 1. August und Vorgänge in Danzig von Anfang August. Zwischen Ereignis und Leser liegen Wochen.

Diese Verzögerung war keine Störung, sondern die Bedingung, unter der Öffentlichkeit damals funktionierte. Wer 1821 Zeitung las, wusste, dass er Vergangenheit las. Erst die elektrische Telegrafie hat diesen Abstand aufgelöst und damit auch die Erwartung verändert, was eine Nachricht überhaupt ist.

Wem gehört die Kunst?

Der abschließende Teil der Reisebriefe beschreibt den Zustand der Pariser Sammlungen nach 1815. Von den Gemälden, die einst dort versammelt waren, sei kaum ein Bruchteil geblieben, und das Übrige beschädigt. Malmaison, wo Napoleon seine private Gemäldesammlung mit großem Aufwand zusammengekauft hatte, sei geleert. Bibliotheken hätten durch Entnahmen aller Art erheblich gelitten.

Der Verfasser stellt daraufhin eine unbequeme Frage: Man habe Napoleons Verhalten in Kunstsachen für ungerecht erklärt, sei man selbst besser verfahren, oder habe man seine Handlungsweise nicht nur nachgeahmt, sondern übertroffen? Sogar das Kopieren der entnommenen Kunstschätze, das die Franzosen dort, wo sie sich ihrer bemächtigt hatten, erlaubten, sei jetzt untersagt.

Eine Debatte über Kulturgutraub und Restitution, geführt in einem Blatt für gebildete Leser des Jahres 1821.

Der Herausgeber und sein Sohn

Herausgeber und Verleger war August Schumann, Buchhändler in Zwickau. Sein jüngstes Kind, im August 1821 elf Jahre alt, hieß Robert Schumann.

Der Komponist wuchs in diesem Betrieb auf. Sein Vater hatte die eigene Büchersammlung als öffentliche Leihbibliothek eingerichtet, verlegte Bürger, Klopstock und Musäus, gab Adressbücher, ein Wochenblatt und diese Zeitschrift heraus, dazu das achtzehnbändige Sachsen-Lexikon, sein bekanntestes Verlagswerk. Robert Schumann gründete später selbst eine Zeitschrift, die Neue Zeitschrift für Musik, und blieb zeitlebens ebenso Schreiber wie Komponist.

Dieses Heft stammt aus dem Haus, in dem er das gelernt hat.