Inventarnummer: PP0003 · Sparte: Print & Presse
Hersteller: Mercedes Büromaschinen-Werke AG, Zella-Mehlis, Thüringen
Bauart: Kleinschreibmaschine, Typenhebelmaschine
Bauzeit: ab den 1930er Jahren
Ausführung: hochglänzender schwarzer Lack mit goldfarbener Beschriftung
Die Firma hieß Mercedes, und das war Absicht. 1906 gründete Gustav Mez in Berlin die Mercedes Bureau-Maschinen-Gesellschaft, zwei Jahre später zog der Betrieb nach Mehlis in Thüringen. Der Name war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Qualitätsversprechen, geprägt vor allem durch die Automobile der Daimler-Motoren-Gesellschaft.
Für eine Sammlung, die sich mit Medien und ihrer Wirkung befasst, ist das ein bemerkenswert früher Fall: ein Unternehmen, dessen Produktversprechen zu einem erheblichen Teil im Namen selbst steckt, in einer Branche, die mit Automobilen nichts zu tun hat. Markentransfer als Gründungsstrategie, mehr als hundert Jahre bevor der Begriff geläufig wurde.
Die Selekta gehört zu den Kleinschreibmaschinen, die Mercedes nach 1930 ins Programm nahm, neben Modellen wie der Prima und der Superba. Der schwarze Hochglanzlack mit goldener Beschriftung stammt aus der Formensprache der Büromaschine, nicht aus der der späteren bunten Reisemaschinen der 1950er Jahre. Die Selekta ist also ein Zwischending: tragbar in der Größe, repräsentativ im Auftritt.
Ein aufschlussreiches Detail für Besucherinnen und Besucher ist der Farbbandwechsel. Die Abdeckung muss erst entriegelt und dann seitlich weggedreht werden. Solche Bedienschritte sind heute vollständig aus der Alltagserfahrung verschwunden. Sie zeigen, dass ein Schreibgerät früher regelmäßige Wartung durch die Nutzerin verlangte: Farbband einlegen, Typen reinigen, Mechanik ölen. Der Übergang zum wartungsfreien Gerät ist ein eigener, selten erzählter Teil der Mediengeschichte.
Das Werk war technisch ungewöhnlich weit vorn. 1921 brachte es unter dem Konstrukteur Carl Schlüns die Mercedes Elektra heraus, die als erste am Markt erfolgreiche deutsche elektrische Schreibmaschine gilt. Ein seitlich angesetzter Elektromotor übernahm Tastenanschlag und Wagentransport.
Das war mehr als eine Erleichterung. Der Motor senkte den körperlichen Aufwand und erhöhte im selben Zug die Erwartung an die Schreibleistung. Diese Verschiebung traf ein Berufsfeld, das zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend weiblich besetzt war. Die Feminisierung der Büroarbeit seit den 1920er Jahren ist von der Schreibmaschine nicht zu trennen, und die Elektrifizierung hat die Leistungsanforderungen an diese Arbeitsplätze weiter verschärft. Ein Objekt aus diesem Werk lässt sich also nicht nur technisch, sondern auch arbeits- und geschlechtergeschichtlich einordnen.
Aus der Elektra entwickelte dasselbe Haus ab 1924 die Addelektra, eine rechnende Schreibbuchungsmaschine. Damit stand in Zella-Mehlis eine Maschine, die schrieb und rechnete zugleich, Jahrzehnte vor dem Bürocomputer.
Die eigentliche Pointe liegt in der Nachkriegsgeschichte. Zella-Mehlis lag in der sowjetischen Besatzungszone. Aus dem Mercedes-Werk wurde der VEB Cellatron Büromaschinenwerk Zella-Mehlis, der Anfang der 1960er Jahre elektronische Rechner unter der Marke Cellatron entwickelte. 1977 wurde der Betrieb in das Kombinat Robotron eingegliedert und in VEB Robotron-Elektronik Zella-Mehlis umbenannt. 1990 wurde er aufgelöst, fast alle Gebäude wurden abgerissen, erhalten blieb nur die denkmalgeschützte Hauptverwaltung.